Bretagne Reisebericht - Ein Gastbeitrag
In diesem Gastbeitrag nimmt uns Elke mit zu den Schönheiten der Bretagne:
Gemessen an der Zahl der in jedem Land registrierten Urlaubsreisen, war Frankreich zumindest 2023 mit 72,4 Millionen Touristen das beliebteste Reiseland der Welt. Nachdem wir 2023 die wunderschöne, aber sehr stark frequentierten Cote d’ Azur besuchten, wollten wir nun auch das Pendant Bretagne kennenlernen. Die Bretagne, in Deutschland populär geworden durch die ARD-Serie mit dem attraktiven Kommissar Dupin, haben wir dann im Frühsommer 2024 für drei Wochen bereist.
Die Bretagne ist mit einer Fläche von ca. 27.000 km² etwa so groß wie Brandenburg, aber etwas dichter besiedelt, wobei die Hauptstadt Rennes mit ca. 220.000 Einwohnern die mit Abstand größte Stadt ist. Aber die Bretagne zählt zu den wirtschaftlich schwächelnden Regionen Frankreichs. Über zwei Drittel der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft beschäftigt. Weitere Hauptzweige sind die Fischerei und der Tourismus, doch auch bekannte Marken wie Renault und Yves Rocher haben hier eine Niederlassung.
Wegen der mangelnden Perspektiven gewährte die Regionalregierung in den letzten Jahren jungen Bretonen ein Stipendium für einen Job im Ausland. Und so mancher Bretone blieb dann nicht nur wegen des Jobs, sondern auch der Liebe wegen dort, so z.B. unserer geliebter Schwiegersohn Matthieu. Und auch das war ein Grund für unsere Reise, wir wollten seine Heimat kennenlernen. Freunde des Reisens mit Bus und Bahn muss ich enttäuschen, denn für eine Rundreise durch die Bretagne braucht man zwingend einen Mietwagen.
Saint Malo - Bretagne Reisebericht
Vom Flughafen CDG Paris erreichen wir nach rund fünf Stunden unsere erste Destination St. Malo, an der Nordküste der Bretagne. St. Malo liegt am Ärmelkanal und erlangte Reichtum als Hafenstadt, u.a. durch den unrühmlichen Sklavenhandel. Nach Landung der Alliierten im August 1944 wurde die Innenstadt zu 85 % zerstört, da sich der damalige deutsche Festungskommandant weigerte zu kapitulieren. Diesem und anderen verheerenden Schicksalen sollten wir noch mehrfach auf unserer Reise begegnen. Die Altstadt wurde nahezu originalgetreu wieder aufgebaut, wobei sich die Geister hier scheiden, denn nicht jedem gefallen diese an grauen Tagen mürrisch wirkenden Steinhäuserblöcke in fast baumlosen Straßen, umgeben von einem riesigen Mauerriegel.
Wir sind sehr froh, dass wir außerhalb der Altstadt in einem weißgetünchten kleinen familiengeführten *** Hotel unterkommen.
Es zeigt sich, dass St. Malo als Ausgangspunkt für Tagestouren ideal ist.
Mont St. Michel - Bretagne Reisebericht
Nur eine Autostunde entfernt befindet sich die Klosterinsel Mont St. Michel, die mit jährlich drei Millionen Besuchern nach dem Eiffelturm mit sieben Millionen Besuchern die Top-Sehenswürdigkeit in Frankreich ist. Wir befolgen den Rat eines Freundes und starten sehr früh, um den riesigen Besucherströmen zu entkommen. Ähnlich wie am Münchner Flughafen muss man sich unbedingt das Parkplatzfeld merken, da man sonst das Auto nicht wiederfindet. Wir steigen nicht in den Shuttlebus oder die Pferdekutsche, sondern nähern uns diesem wohl einmaligen Monument zu Fuß über die filigrane Stelzenbrücke.
Der Pilgerweg führt durch das Watt, in welchem schon mehrere Unbelehrbare von der Flut überrascht wurden. Um die Entstehung des Klosterberges gibt es eine Legende, wonach der Erzengel Michael den Bischof Aubert von Avranches im Jahr 708 den Auftrag zum Bau einer Kirche auf der Felseninsel gab. Da dieser sich mehrfach weigerte, soll der Erzengel ihm im Schlaf mit seinem Finger ein Loch in den Kopf gebrannt haben, wovon der gefundene Schädel zeugt. Das Kloster hat eine wechselhafte Geschichte, wurde mehrfach annektiert und während der französischen Revolution als Gefängnis genutzt. Die Abbay St. Michel auf der Spitze des 78 Meter hohen Berges erreicht man nur über enge Gassen, gesäumt von zahlreichen Souvenirläden, Restaurants und kleinen Museen.
Aber der Aufstieg lohnt sich, der Ausblick auf die Bucht und das Wattenmeer, das nahtlos in den grauen Himmel übergeht, ist unvergesslich.
Als dann um 12 Uhr die Klosterglocken läuteten wissen wir: "Wir sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort" ☺.
Tour de Bretagne - Bretagne Reisebericht
Jedes Jahr zu Pfingsten findet in der Bretagne eine Oldtimertour statt. Da diese im Jahr 2024 ausgerechnet in der Nähe von Saint Malo startet, wollen wir uns das Spektakel nicht entgehen lassen. Laut Plakat sind an dieser 42. Tour ca. 800 Vehicules Anciens vom Fahrrad bis zum Traktor beteiligt. Es ist nicht zu übersehen, es bereitet den im Retrolook stilvoll gekleideten Damen und Herren mit wehendem Seidenschal oder Fliegerkappe und den klatschenden und trillernden Zuschauern viel Spaß.
Wandern mit Meeresbrise - Bretagne Reisebericht
GR 34 ist keine Bezeichnung für einen neuen Handstaubsauger, sondern eine Abkürzung für den 2.000 Kilometer langen Fernwanderweg entlang der Küste der Bretagne. Nur gut, dass er noch nicht so bekannt ist wie der Jakobsweg. Wahrscheinlich liegt es daran, dass hier nicht die Pilger unterwegs waren, sondern die Zöllner patrouillierten, die Schmuggel und Wrackplünderungen verhindern sollten. Der Weg wurde 1968 zu neuem Leben erweckt und schlängelt sich immer entlang der Küste vom Mont St. Michel im Norden bis zur Brücke von St. Nazaire im Süden und bietet allen Wanderern frische Seeluft, lautes Geschrei der aufgeschreckten Möwen und einen Postkartenblick nach jeder Biegung.
Wir folgen mehrfach der weiß-roten Markierung, im Norden einen Abschnitt von rund zehn Kilometer, immer entlang der Cote de Granit Rose, der Rosa Granitküste. Für diese überschaubare Strecke brauchen wir knapp fünf Stunden, was weit unter unserem üblichen Wandertempo liegt. Wir genießen es, auf einer der Bänke auszuruhen und den Blick über die herrlichen Felsformationen, den feinsandige Buchten, dem sattgelben Ginster und der rosa Heide gleiten zu lassen und die Füße im smaragdgrünen glasklaren Wasser zu kühlen. Ich drücke immer wieder auf den Auslöser des Handys, weil ich diese Szenerie unauslöschlich festhalten will.
Den Namen der beiden Orte Perros-Guirec und Ploumanacˋh können wir niemals fehlerfrei aussprechen und auch beim Schreiben muss ich noch einmal GoogleMaps bemühen. Es ist ein sehr warmer Tag und wir sind froh und glücklich, dass wir am Ziel einen der begehrten Plätze auf der Terrasse eines Cafes bekommen. Mit einem Cidre, dem französischen Apfelwein, der hier in Kaffeetassen serviert wird, schauen wir hinüber auf eine mystische Steinburg auf der vorgelagerten Ile Costaeres. Wenn man Glück hat, kann man im Cafe den Hausherren Dieter Hallervorden treffen, in dessen Privatbesitz die Insel seit den 80-iger Jahren ist.
Südküste der Bretagne - Bretagne Reisebericht
Nach weiteren drei Stunden Autofahrt in fast gerader Linie kommen wir im Ort Larmor-Baden an der Südküste an. Dies ist ein ganz unspektakuläres, gepflegtes Dorf mit meist weißgetünchten Häusern und einem kleinen Hafen am Golf von Morbihan. Hier befinden sich über 40 kleine Insel, auf denen man Ruhe und unberührte Natur findet.
Unser kleines Steinhaus, in dem früher die Familie des Fischers vermutlich mit einer Schar von Kindern lebte, hat keine ortstypisch geschlossenen Jalousien. Auch hier ist die Landflucht zu spüren, denn viele Häuser werden wohl nur während der Sommerferien durch Pariser Familien bewohnt. Bei der Sanierung und Einrichtung unseres Fischerhauses waren zwei Künstler am Werk, Phillippe und Jacques. Wir sind angesichts des günstigen Preises von fast 540 Euro für eine Woche etwas skeptisch … Baustelle vor der Tür, Mäuschen im Gebälk oder hat der „Fischer sin Fru“ hier etwa umgebracht? Nichts von alledem, es ist perfekt für uns.
Am Sonntag lebt das Dorf auf, denn es ist „Marche“ auf dem kleinen Parkplatz vor der Kirche. An den Ständen mit den üppigen Kirschbergen und dem Käse mit der braunen, rissigen Rinde können wir nicht vorbeigehen, ohne etwas zu kaufen. Dass die Franzosen auf Qualität Wert legen, spürt man auch auf den Wochenmärkten, die allesamt gut besucht sind.
Der Wanderweg GR 34 am Golf der Morbihan verläuft an flacheren Ufern und kann bei Flut auch mal nicht passierbar sein. Es duftet hier nach Watt, Fisch und Salz.
Rund um Larmor-Baden befinden sich mehrere kleine Austernbars, worüber sich insbesondere mein Mann freut. Er liebt das Fleisch, ich das Meereswasser. Frischer geht es nicht - vom Boot direkt auf den Teller.
Wenn uns auch alle ungläubig anschauen, wenn wir das Wort „Huitres" aussprechen, so lernen wir doch viel über die Austernzucht in der Bretagne, auch die Erkenntnis, dass der bei uns verlangte Stückpreis von mindestens drei Euro durchaus berechtigt ist. Auch Larmor-Baden erweist sich verkehrstechnisch als gute Entscheidung, da wir in einer Autostunde in weiteren interessanten Orten sind.
Quiberon - Bretagne Reisebericht
Die Stadt Quiberon erreichen wir über eine lange Zufahrtsstraße auf der schmalen Landzunge, die uns an die Fahrt von Miami nach KeyWest erinnert. Je nach Tages- und Jahreszeit ist die Anreise mit dem Auto nur geduldigen Fahrern zu empfehlen. Wir haben Glück, es ist noch Vorsaison. Der Ort soll bei Franzosen sehr beliebt sein, u.a. wegen der 2.000 Sonnenstunden im Jahr und der für Wassersportler idealen Bedingungen. Durch den Film "3 Tage in Quiberon" über das letzte Stern-Interview mit Romy Schneider, die sich 1981 dort erholte, ist Quiberon wohl auch in Deutschland bekannt geworden. Der Strand ist hell und feinsandig, der Ort hat ansprechende Patisserien, Brasserien, Boulangerien, Creperien und Lingerien in hübschen Fachwerkhäusern und stattlichen Villen und einen Fähranleger zu der grünen Insel Belle-Ile.
Erkenntnis hier: Unsere Badeorte an der Ost- und Nordsee sind schöner, weshalb man zum Badeurlaub nicht in die Bretagne reisen muss.
Rochefort-en-Terre - Bretagne Reisebericht
Rochefort-en-Terre befindet sich im hügeligen und waldigen Hinterland auf einem schroffen Felsen und zählt zu den ältesten und schönsten Dörfern Frankreichs. Mit den blumengeschmückten, denkmalgeschützten Granithäusern mit Schieferdächern, den morbiden Treppen und den antiken Schildern wirkt es auf uns wie ein Freilichtmuseum, wie aus der Zeit gefallen. Beim Blick über die Dächer stört nur das blaue Auto die Idylle.
In den Ruinen des Chateaus ist eine überaus interessante Ausstellung über fantastische Kunst beheimatet.
Im mit Efeu überwucherten Garten und in den Kellern findet man mystische, teils furchteinflößende oder erotische Bilder, Skulpturen, Videos und Lichtspiele.
Eine Nacht unter freien Himmel - Bretagne Reisebericht
Ein Pariser Unternehmer kaufte das im Landesinneren gelegenen Vallee´ de Pratmeur, ein 25 Hektar großes hügeliges Waldgebiet mit Weiler, wo er außergewöhnliche Unterkünfte errichtete. Vom einfachen Zigeuner-Wagen bis zum luxuriösen Baumhaus mit privatem Swimmingpool und Spa-Lodge-Kabine ist für jeden Geschmack etwas dabei. Wir entscheiden uns für die mittlere Preislage, für eine Nacht in der Bell Air Nr. 1, übersetzt „Blase in der Luft“. Wozu noch ein Pool, wenn man in den Baumwipfeln schlafen und mit herrlichem Vogelgezwitscher aufwachen kann? Das soll dann doch den Honeymoon-Pärchen vorbehalten sein. Unsere transparente Bubble thront fünf Meter hoch auf einer ca. 30 qm großen Holzterrasse mit Trockentoilette im Minibad und Bettheizung. Das Frühstück wird im Picknickkorb geliefert, den wir an einem Seil nach oben ziehen. Über uns der Sternenhimmel bei glasklarer Nacht, das lohnt sich.
Ganz in der Nähe befindet sich das Museumsdorf Quistinic mit reetgedeckten Häusern, Kühen, Schafen und einem riesigen Misthaufen, wie ich ihn noch aus meiner Kindheit auf dem Land kenne.
Ein hemdsärmeliger junger Bretone am Spinnrad erklärt uns im perfekten Englisch, wie Hanf gesponnen wird. Gern hätte er uns auch noch gezeigt wie man Schafe schärt und Kühe melkt, aber wir müssen weiterziehen in die Landeshauptstadt.
Rennes - Bretagne Reisebericht
Wenn man mit dem Zug nach Rennes reist, wird man in einem lichtdurchfluteten Bahnhof mit Glasdächern auf einer Holzkonstruktion und Liegestühlen in der Wartehalle empfangen.
Wenn man mit dem Auto anreist, hat man Stress einen Parkplatz zu finden. An unserem Anreisetag kommt noch erschwerend hinzu, dass die Olympische Fackel durch Rennes getragen wird und die Stadt im Ausnahmezustand ist. Letztendlich gelingt es uns mit Hilfe des telefonisch kontaktierten Sohnes einer Polizistin, der gut Englisch spricht, nach vier Stunden einen Parkplatz außerhalb des Zentrums zu finden. Die Vorfreude auf das vorolympische Ereignis ist etwas getrübt. Und die FackelträgerInnen können wir leider auch nur auf der Leinwand sehen. Dennoch gefällt uns die Stadt sehr gut. Es ist eine demografisch junge Stadt, denn von den knapp 220.000 Einwohnern sind ca. 60.000 Studenten und das in wachsender Zahl.
Rennes ist eine Stadt mit einer prächtigen Kathedrale, einem duftenden Rosengarten und einem großen mittelalterlichen Fachwerkviertel. Bei einem verheerenden Brand im Jahr 1720 wurden rund 1.000 Häuser vernichtet. An vielen teils mehrstöckigen Häusern nagt der Zahn der Zeit und der Dönerladen ist der einzige Mieter, der dem Haus noch die Treue hält.
Es gibt neu sanierte Fachwerkhäuser, die aber noch unbewohnt scheinen. Beim Spaziergang durch die gepflasterten Gassen werde ich demütig bei dem Gedanken an unsere, mit großen finanziellen Anstrengungen wunderschön sanierten ostdeutschen Städte, wie Görlitz, Dresden und Wernigerode. Hier ist dieses Ergebnis vermutlich ein Wunschtraum.
Bevor wir Rennes gen Paris verlassen, verbringen wir noch einen angeregten kulinarischen Abend mit Anne und Alain, den Eltern unseres Schwiegersohnes Matthieu. Auch hier eine weitere Erkenntnis: Unser Bestellvorgang ist mit dem holprigen Aussprechen des Gerichtes beendet, während sich Anne und Alain erst nach ausführlicher Beratung zu Zubereitung und Zutaten durch den Restaurantinhaber entscheiden. Das genussvolle Speisen hat eben einen anderen Stellenwert bei den Franzosen!
Auch wenn wir nach einem dreiwöchigen Aufenthalt nicht behaupten können, dass wir diese Region kennen, so bleibt diese Reise in wunderbarer Erinnerung, und das nicht nur wegen der bizarren Landschaft, den steilen Küsten und der appetitlichen Marktstände, sondern auch wegen der vielen tollen Menschen, denen wir begegnet sind. Ich bin zuversichtlich, dass wir noch einmal der weiß-roten Markierung entlang der bretonischen Küste folgen werden.